Come back stronger

Ich dachte mir, dass es eigentlich mal ganz interessant wäre, den Weg seit meiner Verletzung ein wenig zu protokollieren. Für euch - und auch für mich. Fangen wir also am Anfang an...



Samstag, 18. Juni 2016
Die erste Woche der neuen Saison wieder auf dem Eis und gleich in der Einlaufstaffel mein Sturz. Ich stürzte mit einem Trainingskollegen und konzentrierte mich nur darauf, seine Schienen wegen Schnitten von mir fernzuhalten, doch dabei rutschte ich in einem ungünstigen Winkel mit dem Rücken zuerst halbliegend in die Bande. Ich hatte schon Schmerzen und habe kaum Luft bekommen, doch trotzdem muss ich zugeben, dass ich mir einen Wirbelbruch ein wenig schmerzhafter vorgestellt hatte. Die Diagnose im Krankenhaus war dann vor allem für mein Herz schmerzhaft - Kompressionsfraktur (also Bruch) des 12. Brustwirbels und mindestens 8 Wochen kein Sport.



18.-21. Juni 2016
Mein Pflichtaufenthalt im Neustädter Krankenhaus. Die Schmerzen, die dann übrigens doch relativ groß waren, verringerten sich aber von Tag zu Tag und durch zahlreiche Besuche meiner Freunde verging die Zeit auch schnell.

Donnerstag, 23. Juni 2016 Da sich meine betreuenden Sportärzte in der Uniklinik befinden, hatte ich dort einen Kontrolltermin mit einem Wirbelsäulenspezialisten. Die Ärzte im ersten Krankenhaus hatten mich ohne weitere Untersuchungen gehen lassen, da ich noch jung und sportlich sei und alles sicher gut verheilen würde und es mir auch schon wieder besser ging. Der Oberarzt der Abteilung für Wirbelsäulenverletzungen der Uniklinik wollte jedoch sicher gehen, dass die Bänder nicht auch beschädigt sind und veranlasste noch ein MRT für den nächsten Tag. Zu meinem Glück (oder auch nicht) - wie sich bald herausstellte.

Freitag, 24. Juni 2016 Nachmittags das MRT und abends schon der Anruf vom Krankenhaus „Frau Seidel, kommen Sie bitte sofort in die Notaufnahme, die Bänder sind doch gerissen und seien Sie vorsichtig.“ Sichtlich aufgeregt brachten mich meine Eltern in die Notaufnahme, in der ich erfuhr, dass ich nun doch operiert werden müsse und bis zum Montag dableiben solle, da schon ein Ausrutschen oder ein Verkehrsunfall keine schönen Folgen mit sich bringen würden. Da lag ich also nun wieder in einem der Betten und mein Gefühl im Magen war diesmal um Einiges mulmiger.

Montag, 27. Juni 2016 Tag der OP. 4 Schrauben und 2 Stäbe wurden an meinen Wirbeln befestigt und das Ganze sah ungefähr so aus:




Wer mich kennt, weiß, dass ich wirklich kein zimperlicher Mensch bin und kaum jammere. Doch an den Tagen nach der OP hatte ich die schlimmsten Schmerzen, die ich bis jetzt in meinem Leben erlebt habe. Das Liegen auf den Narben, die neuen Fremdkörper im Rücken und der Fakt, dass ich im Bett gefangen war, raubten mir schon ziemlich die Nerven. Nach ein paar Tagen schaffte ich es endlich das erste Mal aus dem Bett und von da an verbesserte sich alles auch ziemlich rasch.





Freitag, 1. Juli 2016
Dann endlich meine Entlassung und zuhause ließ sich dann alles ein Stückchen besser aushalten.

Samstag, 2. Juli 2016
Ich weiß, dass es ein wenig eklig klingen muss, aber an dem Tag wusch mir meine Mama das erste Mal wieder meine Haare, haha. Normales Duschen durfte ich erst eine Woche später wieder.


3.-20. Juli 2016
Ab in den Urlaub. Meine Familie flog nach Spanien und ich entschied spontan, dass ich lieber in der Sonne meine Zeit „abliege“, als allein im Bett. Die Narben mussten wir zwar immer gut vor der Sonne schützen und die erste Woche durfte ich auch noch nicht ins Wasser, doch nach dem ganzen Stress war es genau das, was ich brauchte!


Freitag, 22. Juli 2016
Ein erneuter Check beim Oberarzt - die Narben waren schon gut verheilt und nun konnte die Zeit der täglichen Physiotherapie beginnen. Ich lernte, meinen Rücken wieder normal zu bewegen und vor allem erstmal zu kräftigen. Was ich in dieser Zeit außerdem lernte: Geduld zu haben. Ab der nächsten Woche durfte ich auch endlich nach 6 Wochen, in denen ich gar nichts tun konnte, mit leichtem Training auf dem Land beginnen. Ich ging viel Schwimmen, fuhr locker auf dem Ergo und kräftigte eben weiter meinen Rumpf.


Montag, 29. August 2016
Nach 5 Wochen Schwimmen, Laufen, Radfahren und allgemeiner Kraft, durfte ich nun endlich das erste Mal wieder aufs Eis! Es war so ein tolles Gefühl, endlich wieder Kufen unter den Füßen zu spüren, nachdem ich so lange diesem Moment entgegengefiebert hatte. Natürlich war ich in der Beweglichkeit noch ein wenig eingeschränkt, doch das verbesserte sich von Einheit zu Einheit. Natürlich war es vom Kopf her zu Beginn auch nicht leicht, doch zusammen mit unserer Psychologin lernte ich, einfach zu laufen und nicht daran zu denken.


Mittwoch, 23. November 2016
Ich fing also an, relativ schnell wieder spezifisch zu trainieren und nach einer Leistungsdiagnostik auf dem Rad, stellte sich heraus, dass mein unterer Ausdauerbereich zu schwach ausgeprägt war - wie will man also die Spitze eines Hauses bauen, ohne ein ausreichendes Fundament zu haben? Von nun an hieß es also erstmal wieder 4x die Woche aufs Rad und dafür nur 3x die Woche Eis, um meine Ausdauerleistung vor allem für die kommende Saison ordentlich auszuprägen.


13.-23. Dezember 2016
Da bot es sich natürlich an, dass unsere Eisschnelllauf-Nationalmannschaft ins Radtrainingslager nach Lanzarote fuhr und mich mitnahm. Dort konnte ich wirklich jeden Tag aufs Rad steigen und das sonnige Wetter war auch für die Seele Balsam. Außerdem war es schön, die anderen Sportler auch mal ein bisschen kennenzulernen und hat super viel Spaß gemacht.


3.-5. Februar 2017
Nachdem sich meine Ausdauerwerte durch das viele Radtraining verbessert hatten, trainierte ich wieder zunehmend auf dem Eis und lief endlich meinen ersten Wettkampf: der Heimweltcup in Dresden. Meine Ziele für die Saison waren lediglich, wieder ins Wettkampfgeschehen hineinzufinden und ohne Angst zu laufen. Spaß machte es auf jeden Fall sehr, wieder gegen andere Läufer anzutreten, doch ich merkte schon noch, dass ich noch lange nicht wieder in alter Topform war.




10.-12. März 2017
Ich trainierte noch einen weiteren Monat hart und merkte von Tag zu Tag, wie ich langsam wieder die „alte Anna“ wurde - leider fehlte dann ein wenig die Zeit. Mein zweiter und auch letzter internationaler Wettkampf war die Weltmeisterschaft im holländischen Rotterdam. Hier qualifizierte ich mich sogar auf 2 von 3 Strecken für die Viertelfinals und erreichte einen 17. Platz, mit dem ich mehr als zufrieden bin. Ich lernte nochmal extrem viel und traute mir endlich wieder Sachen zu. Der Wettkampf stimmte mich hoffnungsvoll auf die nächste Saisonvorbereitung und ich war trotzdem irgendwie froh, diese (wenn auch sehr kurze) Saison hinter mir lassen zu können.


Mittwoch, 15. März 2017
Die Metallschrauben in meinem Rücken rieben durch die sportliche Belastung immer auf meiner Haut und verursachten tägliche Schmerzen. Ich konnte es also kaum erwarten, das „Zeug“ nach der Saison endlich loszuwerden. Als ich am Mittwoch aus der Narkose aufwachte, fühlte ich mich irgendwie befreit und war auch erleichtert, dass die Schmerzen diesmal nicht annähernd so schlimm wie letztes Mal waren. Ich musste auch nur eine Nacht im Krankenhaus verbringen und durfte am nächsten Tag nach Hause - die Bänder und Knochen sind ja verheilt und nur die frischen Schnitte müssen jetzt noch zusammenwachsen. Ziemlich genau ein Dreiviertel Jahr dauerte also mein „Comeback“ und meine Verletzung wird auf jeden Fall auch noch in den nächsten Wochen eine große Rolle spielen. Doch ich muss auch zugeben, dass diese Verletzung nicht nur negative Seiten hatte. Im Sommer hatte ich die Möglichkeit, die verpasste Zeit der letzten Jahre mit meinen Freunden aufzuholen. Ich habe gelernt, geduldig zu sein. Und, dass Sport nicht alles im Leben ist, sondern Gesundheit eindeutig vorgeht. Ich habe auch gelernt, meine Gesundheit mehr zu schätzen; es zu schätzen, trainieren zu können. Und vor allem habe ich gelernt, zu kämpfen und nie aufzugeben. Auch wenn das jetzt ziemlich abgedroschen klingen mag und man das immer hört, doch „what doesn’t kill you, makes you stronger“ und ich denke schon, dass mich diese 9 Monaten definitiv als Persönlichkeit stärker gemacht haben.



An dieser Stelle darf ich natürlich nicht vergessen, mich bei denjenigen Menschen zu bedanken, ohne die ich das Ganze nicht annähernd so bewältigt hätte, wie ich es habe. Egal ob das meine behandelnden Ärzte, Physiotherapeuten oder Psychotherapeutin, Sponsoren und Management, meine Trainer und Teamkollegen, Freunde oder Familie waren. Ich denke, die Betroffenen wissen selbst, wie wichtig sie mir sind und wie dankbar ich ihnen bin!

Ich bin so glücklich, jetzt einen Haken hinter die letzte Saison machen zu können und für die Olympiasaison 2017/18 einen „fresh start“ vor mir zu haben.

„Winners never quit and quitters never win!“